Cookies ermöglichen eine bestmögliche Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Seiten und Services erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr InfosOK
Benutzername
Passwort
  Passwort vergessen?

Kanzelrede von Evelyn Meining

Gottesdienst zum Mozartfest

 

Sonntag Rogate, 26.5.2019, 10 Uhr, Würzburg St. Stephan

 

Kantate BWV 29 „Wir danken dir, Gott, wir danken dir“ von Johann Seb. Bach

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.

(Psalm 66,20)

 

PREDIGT: Evelyn Meining

 

Liebe Gemeinde!

 

Der Komponist war krank. Wochenlang lag er darnieder. Wir wissen nicht genau, was er hatte oder wie er behandelt wurde. Wir haben keine Dokumente über diese Krankheit, doch wir haben Musik. Musik, die uns etwas von dem erzählt, was er durchlebt hat.

Eine langsame Einleitung und ein klagendes Hauptthema des Allegro stehen am Anfang von vierzig Minuten Musik, die ihren Höhepunkt im langsamen Satz erreicht. Vier Streichinstrumente singen einen innig-schwebenden Choral – in lydischer Kirchentonart, beim Hören können wir uns erinnert fühlen an eine Motette der Palestrina-Zeit.

 

Über diesen Noten steht: »Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit«.

 

Jetzt wissen Sie, liebe Gemeinde, wer der Komponist ist. Ludwig van Beethoven hat 1825 dieses Streichquartett in a-Moll (op. 132) geschrieben. Man sagt: ein Spätwerk, obwohl Beethoven erst 55 Jahre alt war und bekanntlich nicht einmal das Rentenalter erreicht hat. Seine Musik hören, das konnte er zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr.

 

Kann Musik Gebet sein?

Klar, wenn ich Bachs h-Moll Messe höre oder die c-Moll Messe von Mozart, dann ist die Antwort eindeutig.

Aber was ist mit Musik, die eigentlich weltlich ist?

 

»Ich vergleiche den Genuß der edleren Kunstwerke dem Gebet«, schreibt der 23jährige Wilhelm Heinrich Wackenroder, enger Freund von Ludwig Tieck. Und er stößt damit das Tor zur literarischen Romantik auf. Er erhebt die Musik zum (Zitat) »Land des Glaubens«, in dem sich »menschliche Gefühle auf eine übermenschliche Art« ausdrücken.

 

Musik als heilige Kunst also.

 

»Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit«, schreibt Beethoven. Das Adjektiv heilig gilt dem Dankgesang, nicht der Gottheit.

 

Musik als Land des Glaubens und als Gebet.

Mindestens zwei Generationen von Komponisten haben sich damit befasst – seit Ende des 18. Jahrhunderts bis Wagner und Bruckner ins späte 19. Jahrhundert hinein.

 

Der heutige Sonntag ist dem Gebet gewidmet. Er fordert mit seinem Namen »Rogate«, »Betet!« – zum Gebet auf.

 

Im Evangelium wird nach einer Anleitung zum Gebet gefragt.

»Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.«

 

Der Wochenspruch aus Psalm 66, Vers 20 beschreibt den Adressaten des Gebetes genauer:

»Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.«

 

Mit welchem Anliegen wir auch zu Gott kommen, wir werden nicht abgewiesen. Wir können uns seiner bedingungslosen Zuwendung sicher sein. Das erfahren wir aus dem Psalm! Unser Gebet wird nicht verworfen, egal, was wir an Last ablegen möchten: Wir finden ein offenes Ohr. »Der seine Güte nicht von mir wendet«, heißt es dort.

Kann Musik Gebet sein?

Der Glaube, der sich im Gebet äußert, ist etwas sehr Persönliches. Etwas, das im Stillen stattfindet. Im Gebet formen wir unsere Gedanken zu Worten. Durch das Gebet können wir lernen, davon zu reden, was unsere Seele bewegt.

Während die meisten von uns versuchen, Worte für ein Gebet zu finden, finden Komponisten dafür Töne. Ihr klingendes Gebet entsteht ebenso im Stillen, aber es wendet sich nach draußen, an unsere Ohren. An ein öffentliches Bewusstsein. Wie bei Beethoven mit seinem Streichquartett op. 132. Noch Jahrhunderte später können wir Anteil nehmen. Musik kann ein Gebet ins Zeitlose heben. Auch wenn sie nicht primär geistlich ist.

Ich komme nochmal zurück auf die Worte von Wackenroder.

 

1796, nur fünf Jahre nach Mozarts Tod, hat er von der Musik als Gebet gesprochen in der Textsammlung »Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders«.

Das diesjährige Mozartfest beschäftigt sich mit Mozart und der Romantik. »Mozart, ein Romantiker?« haben wir die Saison 2019 fragend überschrieben.

 

Wenn wir in diesem Sommer einen Blick auf die Romantik werfen, geht es um eine neue Sinnsuche des Menschen. Ausgehend von Mozart natürlich. Es ist eine Zeit des Umbruchs, eine vielfach krisengeprägte Zeit, in der die Menschen sich sehnen, in eine »beßre Welt entrückt« zu werden. Weg also vom Hier, weil die reale Welt nicht auszuhalten ist.

 

»An die Musik« heißt das Lied von Franz Schubert, in dem (Zitat) »ein heiliger Akkord« ihm den »Himmel beßrer Zeiten erschlossen« hat, weg von (Zitat) »grauen Stunden, wo ihn des Lebens wilder Kreis umstrickt«. Die »bessre Welt« im irdischen wie im religiösen Verständnis.

 

Ist es nicht so: Unser Glaube, auch das Bedürfnis nach Gebet wächst meist in schlechten Zeiten. So sind wir eben. Wenn Dinge, die uns im Leben zustoßen, nicht mehr in unserer Hand liegen: Schicksalsschläge, Krankheit, Verlust, Rat- oder Ausweglosigkeit. Wenn wir ahnen, dass uns Kategorien wie Glück oder Unglück nicht weiterhelfen. In diesen Lebenssituationen sind uns Glaubensfragen plötzlich ganz nah.

Krisenzeiten sind aber auch kreative Zeiten. Das 19. Jahrhundert, auf das wir mit dem Mozartfest in den kommenden vier Wochen blicken, kann uns viel davon vermitteln. Um 1800, zu Beginn der Romantik also, waren die Folgen der politischen Erschütterungen in Europa nicht nur Krisenerfahrung und Verstörung, sondern auch Sinnentleerung. Nicht mal mehr die Kirche gab Halt. Sie verlor ihre Macht. Langsam, aber unaufhaltsam.

In diesem spannungsreichen Jahrhundert des religiösen Umbruchs fand Glauben jenseits konfessioneller Grenzen Ausdruck in der Musik. Musik, die die Funktion von Amt oder Auftrag nicht mehr erfüllen musste, wurde aber nicht funktionslos. Sie erfüllte eine neue Funktion. Und das ist das eigentlich Radikale: Musik füllt nun die Leerstelle der verloren gegangenen kulturellen Kraft, der Faszination von Religion. Nun findet auch in nicht genuin religiöser Musik die Seele einen Ort, wo Glauben und Gebet in besonderer Weise aufgehoben sind.

 

Wenn wir Sinfonien von Anton Bruckner im Würzburger Dom aufführen, geschieht etwas Außergewöhnliches. Es wäre banal, nur von einem tönenden Gottesdienst zu sprechen, weil wir Bruckner als gläubigen, im Kloster St. Florian erzogenen Katholiken kennen. Bruckners Musik beschwört nach durchlebten Tiefen und Krisen das ewige Licht. Lux aeterna. Glaube, der erhebt, ermutigt und Stärke gibt. Musik als Bekenntnis  – auf der Suche nach Unendlichkeit. Bruckner, ein Krisenkomponist, wie er von der jüngeren Forschung verstanden wird. Bei ihm erfahren wir, dass Glaube keine Nestwärme meint. Bei ihm geht es um die Vorstellung von etwas Unvorstellbarem. Das ist mehr als der oft naiv unterstellte direkte Draht eines christlich geprägten Musikers zu seinem Gott.

 

Kann Musik Gebet sein?

 

»Das Schöne hat seine Quelle in Gott und führt zu ihm«, heißt es in Ästhetik der Tonkunst von Ferdinand Hand 1847. Damit verbindet sich auch der Gedanke der Hoffnung.

 

Wenn wir beten, hoffen wir. Ohne Hoffnung würde uns der Lebensmut fehlen. In ihr steckt eine Erwartungshaltung. Wir bitten und suchen Trost. Das finden wir in Jesu Bergpredigt, in einer der Seligpreisungen: »Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.«

 

Mit denselben Worten beginnt Johannes Brahms sein Requiem. Ein Requiem in deutscher Sprache, das sich von der kirchlichen Tradition löst, autonomes Kunstwerk ist. Auch Brahms, der exzellente Bibelkenner, hat seinen Glauben durch seine Kunst transportiert. Sein Requiem feiert nicht die Toten, sondern will den Lebenden Hoffnung geben. Brahms nimmt Worte aus Johannes 16, Vers 22:

 

»Ihr habt nun Traurigkeit;
aber ich will euch wiedersehen,
und euer Herz soll sich freuen,

und eure Freude soll niemand von euch nehmen.«

 

Die Antwort ist eindeutig: Es gibt Hoffnung auf etwas jenseits des irdischen Lebens. Bei Brahms gibt es Ewigkeitshoffnung und das Versprechen der Auferstehung.

Fest steht: Wir können nur beten, wenn wir glauben. Wenn wir glauben, dass es etwas gibt, das größer ist als wir.

Ohne den »Morgenglanz der Hoffnung« würden die meisten von uns die Risiken des Lebens wohl gar nicht erst anfangen. Wenn nur zählt, was wir wissen, erklären, beweisen können, woher sollen wir dann Hoffnung schöpfen? Unser Leben braucht Verheißung. Die Hoffnung ist ihr Humus.

Wir Menschen möchten erfahren, dass wir getragen sind, geborgen, entschuldet, begabt und geliebt. Woher nehmen wir sonst die Kraft für das Abendteuer Leben?

Darum beten wir.

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.

 

 

Schauen wir noch einmal auf Beethoven.

Es gibt eine Frau. Sie ist die große Liebes seines Lebens. Er schreibt ihr einen Brief, den er vermutlich nie abschicken wird. Dieser Brief beginnt mit den Worten:

»Mein Engel, mein alles, mein Ich.«

Es gibt zu viele Hürden zwischen den beiden Liebenden, als dass sie sich offiziell zueinander bekennen können. 1812 treffen sie sich – sehr wahrscheinlich für beide überraschend – nach einer längeren Pause wieder.  Was genau geschah, wissen wir nicht. Jedenfalls schreibt Beethoven danach seinen Brief an die »Unsterbliche Geliebte«. Genau neun Monate später bekommt sie, die verheiratete Frau, ein Kind. Sie nennt es Minona, was rückwärts Anonim heißt. Das ist 1813.

 

Ich will hier keine Spekulationen über Beethovens Vaterschaft anstellen. Dazu ist Seriöses, aber auch viel Unseriöses geschrieben worden. Ich will auch nicht vorschnell Leben und Werk eines Komponisten vermischen.

Aber eines wird man sagen können: 1813, in einer Zeit großer persönlicher Irritation und innerer Bedrängnis, schreibt Beethoven ein Lied. Es heißt: »An die Hoffnung«.

 

Es beginnt mit der Frage:

»Ob ein Gott sei?«  (Text: Christoph August Tiedge)

Zaghaft, zögernd beginnt es. Ängstlich auch. Zerbrechlich heißt es weiter:

»Ob er einst erfülle,

Was die Sehnsucht weinend sich verspricht?

Ob, vor irgendeinem Weltgericht,

Sich dies rätselhafte Sein enthülle?

Hoffen soll der Mensch! Er frage nicht!«

 

Jeder Mensch sucht Hoffnung. Beethoven genauso wie wir alle. Sie nährt uns. Umso mehr das uns umgebende Leben den Menschen von sich selbst entfremdet. Die Entzauberung der Welt hat die Menschen in Krisen geführt. Da macht es keinen Unterschied, ob wir heute leben oder ins 18. bzw.19. Jahrhundert zurück schauen.

 

Und wo bleibt nun Mozart, werden Sie mich jetzt am Ende der Predigt fragen, wo ich doch vom Mozartfest komme.

 

»Das Schöne hat seine Quelle in Gott und führt zu ihm« – das ist nochmal der Satz von Ferdinand Hand. Generationen von Forschern und Musikliebhabern haben Mozart hier eingemeindet. Mozart ist durch die Nachgeborenen zu einer Lichtgestalt stilisiert worden. Übermenschlich, quasi ein direktes Sprachrohr des Unfassbaren und ungreifbar Schönen. Im Licht dieser apollinischen Schönheit ist Mozart uns ferner gerückt als nötig. Seine Musik wurde gleichermaßen überhöht wie entwertet. Da war viel Unsinn im Umlauf. Mozart, der als göttlich erscheint und so weiter….

Was wir sagen können ist: Mozarts Musik spricht anders vom Ich als Beethoven.

 

Ist Mozarts Musik Gebet?

Wenn Mozarts Musik Gebet ist – was sie durchaus sein kann, in der Kammermusik, in den langsamen Sätzen der Solokonzerte –  ist sie das auf eine andere Weise. Mozart ist erzogen als Katholik. Sein Weltbild ist geprägt durch den festen Glauben an ein Jüngstes Gericht, aber auch an die Gnade, die wir Menschen erfahren. Deshalb bekommen wir in seiner Musik, egal ob für das Theater oder Instrumentalmusik, eine Ahnung vom Unendlichen. Wie, das ist schwer greifbar und wäre ein Thema für Experten.

 

Lassen Sie uns daher anders schließen. Wenn wir beten, brauchen wir Zeit. Wir sind aufgefordert, eine Pause einzulegen, innezuhalten, zur Ruhe zu kommen. Ich brauche Kraft dafür, mich neu auszurichten. Egal ob es persönliche Entscheidungen sind oder berufliche, ob große oder kleine Schritte anstehen. Nur wer innehalten und beten kann, kann kreativ sein. Das müssen wir immer wieder lernen, dazu braucht man Zeit. Dazu brauchen wir den Sonntag.

Und manchmal auch die Musik – Musik, die uns innere Gespanntheit, Konzentration, Kontemplation, Transzendenz kurz: einen Erlebnishorizont vermitteln kann, der gleichermaßen befreit und bereichert, der aktive und passive Momente zusammenfließen lässt. Wie das Gebet.

 

Premium-Sponsoren
Mozartfest WürzburgKontaktImpressumDatenschutz
Newsletter